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PRN-MAGAZIN - 01.11.2004

Spontanheilung bei Krebs: Wenn Wunder Wirklichkeit werden:

Unerklärliche Spontanheilungen bei Tumorerkrankungen sollen wissenschaftlich erforscht werden

Sylvia hatte Krebs. Die Ärzte gaben ihr nur noch wenige Wochen, vielleicht noch ein paar Monate. Doch Sylvia gab nicht auf. Sie lebte länger, als jeder Facharzt vorhergesagt hatte. Der Tumor hatte sich spontan zurückgebildet und war eines Tages verschwunden. Was wie ein Märchen klingt, ist Wahrheit, denn Sylvia gehört zu den sehr seltenen Fällen, in denen Krebskranke ohne erkennbaren Grund von alleine wieder gesund werden.

Bislang können Ärzte dieses Phänomen nicht erklären: ein zuvor festgestellter Tumor bildet sich vorübergehend oder auch dauerhaft zurück oder verschwindet sogar ganz. Dieses 'Wunder' ist nach Angaben von Experten nur bei etwa einer von 60.000 bis 100.000 Krebserkrankungen zu erwarten, und man schätzt, dass pro Jahr weltweit nicht mehr als 20 bis 30 solcher Fälle auftreten. Dass es diese Fälle gibt, ist inzwischen eine anerkannte und nicht mehr weg zu diskutierende Tatsache. Jetzt wollen Mediziner und Grundlagenforscher solche ungewöhnlichen Krankheitsverläufe mit spontaner Tumorrückbildung systematisch untersuchen und als Quelle für wertvolle Informationen nutzen.
Es gibt Hinweise darauf, dass das Immunsystem an spontanen Genesungsprozessen direkt beteiligt ist. Spontanheilungen werden bei bestimmten Krebsarten besonders häufig beobachtet, beispielsweise dem Malignen Melanom, Nierenkrebs, Lymphknotenkrebs, bei kindlichen Neuroblastomen und bei chronisch-lymphatischer Leukämie. "Das sind die Krebserkrankungen, die auch am besten auf eine Immuntherapie ansprechen", so Prof. Dr. Stefan Meuer vom Institut für Immunologie der Universität Heidelberg.
"Das Immunsystem kann aber leider nur mit relativ wenig Tumormasse, also kleinen Tumoren fertig werden", betonte Prof. Dr. Dr. Sabine von Kleist, Direktorin des Instituts für Immunbiologie der Universität Freiburg und Vizepräsidentin der Deutschen Krebshilfe. Seitdem jedoch Botenstoffe wie Interleukine und Cytokine aus Zellen isoliert werden können, lassen sich Immunreaktionen direkt bestimmen. "Uns ist damit ein Werkzeug in die Hand gegeben, auch psychische Einwirkungen, beispielsweise Stress oder Trauer auf das Immunsystem zu messen", so von Kleist. Gleichzeitig warnte die Wissenschaftlerin aber vor vorzeitigen Hoffnungen: "Wenn auch nun Zusammenhänge messbar und damit Ergebnisse sichtbar werden, sind Aussagen über eine entsprechende Prognose einer Erkrankung daraus nicht ableitbar."

Spontanheilung beruht auf mehreren Mechanismen

Die Forscher sehen in der Psyche der Krebspatienten einen ernst zu nehmenden Faktor, der bei Heilungsprozessen eine Rolle spielen kann. Befragt, was wohl ausschlaggebend für ihren Sieg über den Krebs gewesen sei, bekannte Sylvia in einem Gespräch mit einem amerikanischen Psychotherapeuten: "Ich fühle wirklich, dass ich gegenüber dieser Sache aggressiv wurde. Ich ließ mich nicht einfach gehen, um zu weinen und klagen, 'Oh je, jetzt muss ich sterben.' Überhaupt nicht. Ich befasste mich mit allem Möglichem um herauszufinden, was mir am besten helfen konnte. Und ich fühlte tatsächlich, dass mir irgendetwas zu Hilfe kam. Ich glaube, dass eine Kraft, die stärker war als ich selbst bin, mir den richtigen Weg wies. Ich fühlte, dass die Gebete anderer Leute, die für mich gesprochen wurden, mir halfen. Ich glaube, dass man sich selbst geistig von einigen dieser Gedanken frei machen kann. Ich fühlte, dass ich von überall her Hilfe bekam. Eine höhere Macht führte mich zu den richtigen Leuten, die das unternahmen, was medizinisch notwendig war."
Gottvertrauen, Spiritualität und Psyche mögen hilfreich sein, wenn es darum geht, wundersame Spontanheilungen zu erklären. Doch damit wollen sich Grundlagenforscher und Mediziner nicht zufrieden geben. Sie berufen sich eher auf eindeutige Tatsachen und medizinische Begründungen. Ihrer Meinung nach ist davon auszugehen, dass bei Spontanheilungen von Krebserkrankungen mehrere Mechanismen, die miteinander wirken, eine Rolle spielen. Dazu gehört beispielsweise die genetische Veranlagung: in ähnlicher Weise, wie sie an der spontanen Entstehung eines Tumors beteiligt ist, dürfte sie wahrscheinlich auch für dessen spontanes Verschwinden mit verantwortlich sein, wie von Kleist betonte.

Möglichkeiten von Spontanheilungen eindeutig bestätigt

Mediziner und Zellbiologen sind davon überzeugt, dass ein bislang wenig beachteter Vorgang eine wichtige Rolle spielt. Dieser biologische Mechanismus wird als 'Programmierter Zelltod' oder 'Apoptose' bezeichnet und ist für alle Organismen lebenswichtig. Er sorgt dafür, dass Körperzellen, die ihre Funktion erfüllt haben, absterben und durch neue Zellen ersetzt werden. Wenn Fehlfunktionen von Zellen auftreten, lösen verschiedene Signale ebenfalls dieses 'Selbstmordprogramm' aus und sorgen dafür, dass sich die krankhaften Zellen nicht vermehren können. In der Krebsforschung ist die Apoptose derzeit ins Zentrum des wissenschaftlichen Interesses gerückt. Eine Arbeitsgruppe um Dr. Klaus-Michael Debatin von der Universitätskinderklinik Heidelberg untersucht das Apoptose-System bei Spontanheilungen. "Wenn es uns gelingt, Apoptose in einzelnen Tumorzellen auszulösen, kann sie sich leicht auf die benachbarten Tumorzellen ausbreiten."
Es gibt noch einen weiteren biologischen Mechanismus, der zur Spontanheilung führt. Prof. Dr. Walter Gallmeier, Klinikumsvorstand am Klinikum Nord in Nürnberg, nannte das Ausreifen (Differenzierung) von bösartigen Zellen zu normal funktionierenden Körperzellen. Die Ursachen für das Umschalten auf ein normales 'Differenzierungsprogramm' sind aber noch weithin unklar. Auch Veränderungen in der Angiogenese (Bildung von Blutgefäßen) in einer Krebsgeschwulst können zu deren Rückbildung führen. Einige Forschergruppen versuchen deshalb, die Blutversorgung eines Tumors durch Anti-Angiogenesesubstanzen gezielt zu beeinflussen.
Auf Wunder sollte man sich aber besser nicht verlassen. "Wenn auch die Möglichkeiten von Spontanheilungen bei verschiedenen Krebserkrankungen eindeutig bestätigt und anerkannt sind, dürfen wir nicht auf die spontane Rückbildung von Tumoren warten", so die klare Aussage von Gallmeier. Durch eine kompetente, moderne Krebstherapie könne jeder zweite bis dritte Krebspatient eine dauerhafte Heilung erwarten.

Autor: © DR. MARTIN MÜHLEISEN

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