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PRN-MAGAZIN - 30.08.2005

Stauforschung: Es bedarf einer wirksamen Verkehrsleitplanung

Der menschliche Zug der Lemminge

Es ist Samstagvormittag auf der A 7 Ulm-Memmingen. Die Faschingsferien in Baden-Württemberg sind zu Ende und einer störungsfreien Fahrt in den Winterurlaub steht eigentlich nichts mehr im Wege - bis auf einige Tausend Fahrzeuge, die sich ebenfalls im Stop-and-go-Verkehr nach Süden quälen. Derweil tönen aus dem Autoradio Stauwarnungen, die allesamt die Gegenspur betreffen. Und diese ist so leer, als wäre hier gerade der autofreie Sonntag ausgerufen worden. Verkehrte Welt? Eher Alltag auf bundesdeutschen Autobahnen. Zwar sind wir hierzulande noch Größenordnungen von asiatischen oder amerikanischen Verhältnissen entfernt, aber das ist Millionen von Berufspendlern und gestressten Urlaubern nur ein schwacher Trost. Rund 60 Stunden steht jeder Autofahrer jährlich im Stau - sinnlose Zeit, ein volkswirtschaftlicher Irrsinn und ein Umweltproblem erster Güte.

Das Phänomen Stau und die Tatsache, dass Verkehrsnachrichten nur in seltenen Fällen stimmen, sind komplexe Problemfelder, mit denen sich nicht nur Bauingenieure seit Mitte der fünfziger Jahre herumschlagen, sondern neuerdings auch theoretische Physiker wie Prof. Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen, Institut für Physik von Transport und Verkehr, dem vermutlich einzigen Lehrstuhl dieser Art überhaupt. Ihn reizen Problemstellungen wie nicht-lineare Systeme, die es gilt, mathematisch zu beschreiben, um gleichzeitig aus einer unermesslichen Datensammlung realitätsnahe Verkehrsprognosen zu erstellen.

Es gibt drei Faktoren, die zu einem Stau führen. Angesichts einer chronischen Verkehrsüberlastung - 80 Prozent aller Staus haben gar keinen konkreten Anlass wie einen Unfall oder eine Baustelle - genügt bei hohem Verkehrsaufkommen bereits eine kleine Störung wie eine starke Kurve, ein Autobahnkreuz oder eine Verengung von Fahrspuren, die den Verkehrsfluss stören könnte. Und dann bedarf es nur noch eines abrupten Bremsmanövers oder eines plötzlichen Spurwechsels und der Stau ist da. Es entsteht eine `Stop-and-go-Welle`, die ein Eigenleben entwickelt: Der Fahrzeugfluss verdichtet sich bis hin zum absoluten Stillstand. Dieser Stillstand "wandert" entgegen der Fahrtrichtung mit einer Geschwindigkeit von etwa 15 Kilometern pro Stunde. Aus dem Hubschrauber betrachtet gleicht das Phänomen einer Fahrzeugschlange, die nach hinten mit eben dieser Geschwindigkeit wächst. Für den Autofahrer, der einer solchen Welle begegnet, ist sie ein `Stau aus dem Nichts`, da die eigentliche Ursache für ihn unsichtbar bleibt, da er der eigentlichen Stauursache nie begegnet.
Immer wieder werden für das Phänomen Stau auch Analogien aus dem Tierreich herangezogen - wie den Zug der Ameisen oder der Lemminge. Doch während Ameisen Kollisionen durchaus in Kauf nehmen und einfach übereinander laufen, ohne sich zu stören, bleibt Autofahrern diese Möglichkeit versagt. Auch handeln Ameisen ihrem Instinkt folgend, während der Autofahrer emotional bzw. oft genug irrational handelt. "44 Prozent aller Autofahrer handeln sofort und wechseln die Autobahn, wenn sie von einem Stau im Radio hören", berichtet Michael Schreckenberg. "42 Prozent sind konservativ und reagieren überhaupt nicht auf irgendwelche Empfehlungen." 14 Prozent sind Taktiker. Sie machen genau das Gegenteil dessen, was man ihnen rät. Dieses Verhalten muss bei den Prognosen berücksichtigt werden. "Das menschliche Verhalten ist dynamisch", stellt der Physiker nüchtern fest. "Wir müssen mit unseren Verkehrsprognosen das Verhalten mit berücksichtigen, das durch die Prognose selbst ausgelöst wird." Dies mag vielleicht eine Erklärung dafür sein, dass Stauwarnungen oft genug das Gegenteil der Realität widerspiegeln: Autofahrer meiden den Stau, gehen auf Ausweichstrecken, entlasten die Hauptstrecke und verstopfen so die Nebenstrecken. Dieser Trend findet sich in der Statistik wieder: Unsere Staus werden einerseits immer kürzer, ebenso wie die Zeit, die wir im Stau verbringen; andererseits nehmen die Stauereignisse deutlich zu.
Nochmals zurück zum Ameisenstaat. Für einen störungsfreien Verkehr tauschen die Tiere ständig Informationen per Duftstoffe aus, um den optimalen Weg zur Nahrungsquelle zu finden. Und so spielt auch in der modernen Verkehrsleittechnik der Datenfluss die entscheidende Rolle. In den Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz besteht ein System, das genaue Daten über den Verkehrsfluss erhebt. Mittels Induktionsschleifen, die in den Asphalt eingelassen sind und die jedes Überfahren eines Fahrzeugs mit einem elektromagnetisch induzierten Impuls registriert, werden alle Fahrzeuge erfasst, die Fahrzeugdichte errechnet und auf Autobahnen auch die Geschwindigkeit gemessen. Diese Daten werden von Datenloggern an den Messpunkten gesammelt und minütlich in ein Datenkabel eingespeist, das über die beiden Verkehrsrechnerzentralen in Recklinghausen und Leverkusen mit dem zentralen Verkehrsrechner der Uni Duisburg verbunden ist. Herzstück des Systems ist ein Verkehrssimulator, der jedes Fahrzeug, das sich auf der Straße bewegt, im Rechner abbildet. In der Simulation bewegen sich die Fahrzeuge virtuell nach physikalischen Gesetzen weiter. Wenn es zu eng wird, markiert der Rechner den Autobahnabschnitt gelb für zäh fließend und rot für einen zu erwartenden Stau. In diesen Farben wird auch die Ist-Situation, die 30-Minuten- und die 60-Minuten-Prognose auf einer Autobahnkarte dargestellt, die im Internet kostenlos abzurufen ist - ein Prognosesystem, das weltweit einzigartig ist und mit einer Genauigkeit von 85 bis 95 Prozent bei der 30-Minuten-Prognose arbeitet (www.autobahn.nrw.de).
Erst allmählich greifen auch Rundfunkanstalten auf diese Informationsquelle zurück; sie setzen lieber auf die Verkehrsmeldungen der Automobilclubs, die ihrerseits so genannte Staumelder rekrutiert haben. Diese melden rein subjektiv, wenn sie einen Stau entdecken. Doch erst, wenn zahlreiche Meldungen eingehen, verbreiten die Sender auch die Information. Dann ist es zu spät für eine Prognose: man sitzt entweder schon im Stau oder er hat sich längst aufgelöst und niemand hat es rechtzeitig gemeldet.
In der Schweiz versuchte man, aus dem An- und Abmelden der Handys in den einzelnen Funkzellen den Verkehrsfluss zu analysieren; doch diese Funkzellen sind für genaue Prognosen noch viel zu groß. Vielversprechender sind Informationen so genannter Floating-Cars, von denen inzwischen etwa 40.000 unsere Straßen bevölkern. Dabei handelt es sich um Pkw der gehobenen Klasse, die nicht nur über ein satellitengestützes Ortungssystem wie GPS verfügen, sondern zusätzlich per Mobilfunk ihre Position an eine Zentrale senden. Über das `Radio-Data-System-Traffic-Message-Channel (RDS-TMC)` erhalten Sie Verkehrsmeldungen, die auf Meldungen der Polizei, der Staumelder und den Zelldaten aus den Induktionsschleifen beruhen und die dann vom Navigationssystem ausgewertet werden.
Versucht man ein Fazit der bundesdeutschen Stauforschung, so scheinen sich die Wissenschaftler - im Gegensatz zu großen Automobilclubs - darin einig, dass Deutschland keine neuen oder breitere Autobahnen braucht sondern intelligentere Fahrer, die sich mehr antizyklisch zum Verkehrsfluss verhalten. Und es bedarf einer Datenerfassung in allen Bundesländern, um zuverlässige Prognosen erstellen zu können. Nur so entwickeln wir uns weg von den Lemmingen und hin zu den Ameisen.

Autor: © MARTIN BOECKH

Freier Wissenschaftsjournalist
Tel. 06223 / 46639
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Fotos: © Martin Boeckh
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