PRN-MAGAZIN
- 26.11.2004
Prognosen über Reichweiten unterliegen ständiger
Dynamik
Steigender Ölpreis lässt die Reserven
wachsen
Die Reichweite von fossilen Brennstoffen ist begrenzt. So trivial
die Aussage sein mag, so wenig präzise sind die Daten. Reservemengen
und Verbrauch unterliegen einer ständigen Dynamik. Der Ölpreis
ist nur eines der wichtigen Stellglieder. Doch die Chemie sieht gelassen
in die Zukunft.
Das Bild von menschenleeren Autobahnen Mitte der siebziger Jahre ist
noch hinlänglich in Erinnerung. Ölkrise, Ölschock, Ölpreisexplosion.
Doch eine Verknappung hat es nie gegeben, und die Tanks waren auch in
dieser Krise immer randvoll. Dass ein schwankender Rohölpreis nichts
mit tatsächlicher Verknappung zu tun hat sondern nur ein Stimmungsbarometer
der Börse, ist eine wichtige Erfahrung. Und dennoch: jeder weiß,
dass fossile Energievorräte wie Öl, Kohle und Gas begrenzt
sind. 
Seit 1973 ist der Verbrauch an Primärenergie um 55 Prozent gestiegen
und beträgt derzeit weltweit 14 Mrd. Tonnen Steinkohleeinheiten
(SKE). 90 Prozent davon sind zurzeit fossilen Ursprungs. In 20 Jahren
wird der Bedarf bei mindestens 16 Mrd. t SKE liegen. Wie viel wir in
20 Jahren noch zu verfeuern haben, hängt von mehreren Faktoren
ab. Es gilt nämlich grundsätzlich, zwischen den Begriffen
`Reserven` und `Ressourcen` zu unterscheiden. Während Reserven
unter gegenwärtigen wirtschaftlichen Bedingungen förderbar
sind, gehören zu den Ressourcen alle derzeit bekannten und auch
unbekannten Mengen eines bestimmten Rohstoffes in der Erde.
Erschwert wird die Betrachtung dadurch, dass es nicht-konventionelle
Rohstoff-Reservoirs wie Erdgasspeicher in Aquiferen und Gashydraten
gibt, deren Förderungsmöglichkeiten noch weitgehend unklar
sind. Die statischen Reichweite wird nach der Formel Reichweite ist
Reserve geteilt durch die jährliche Fördermenge bzw. den Jahresverbrauch
berechnet. Doch leider ist die Rechnung nicht ganz so einfach, wie Prof.
Friedrich-Wilhelm Wellmer, Präsident der Bundesanstalt für
Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover bei einem Gastvortrag
bei der BASF AG vorrechnete. "Der Jahresverbrauch ist bei allen
Schwankungen noch eine einfach zu berechnende Größe",
so Wellmer; "doch die Reserven unterliegen einer erheblichen Dynamik."
Und dies gleich aus mehreren Gründen.
Exploration befriedigt steigende Nachfrage
Einmal sind die Reserven stark von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen
abhängig. Die deutschen Steinkohlereserven sind auf Grund der Konkurrenz
durch billige Importkohle nicht mehr wirtschaftlich förderbar und
somit aus Bereich der Reserven in den der Ressourcen gerutscht. Und
politisch gewollte Preiserhöhungen beispielsweise von Erdöl,
wie man es in jüngster Zeit erlebt, lassen Ressourcen, die bis
vor kurzem wirtschaftlich völlig uninteressant waren, zu neuen
Reserven werden. "Insofern lässt ein steigender Ölpreis
die Reserven wachsen", meint der Präsident der BGR. Bei der
BASF gewinnt man dem Preisanstieg noch weitere positive Seiten ab. "Wir
können durchaus mit höheren Energiepreisen leben", meint
BASF-Forschungschef Dr. Stefan Marcinowski", wenn sie die gesamtwirtschaftliche
Wachstumskurve nicht abwürgen; Preiserhöhungen bieten immer
Chancen für Innovationen." Sie seien in jedem Fall besser,
als einseitige, nationale Belastungen beispielsweise durch die Ökosteuer,
die die Wettbewerbsfähigkeit einseitig gefährdeten.
Den genannten Ölpreiserhöhungen stehen andere Trends gegenüber.
So konnten die Erdöl-Förderkosten im norwegischen Troll-Feld
seit 1983 jedes Jahr um zehn Prozent verringert werden - dank verbesserter
Fördertechniken. Noch vor Jahren war die Ölförderung
aus Tiefen unter 200 Metern undenkbar, heute sind Fördertiefen
von mehr als 2000 Meter keine Seltenheit und moderne Bohrroboter schaffen
problemlos horizontale Ablenkungen von acht Kilometern und mehr. Auch
die Entdeckung neuer Lagerstätten ist dank Satellitentechnik und
dreidimensionaler seismischer Methoden sehr viel erfolgreicher als vor
einigen Jahrzehnten. Und so kam es, dass Prognosen von gestern nur wenig
mit der heutigen Realität zu tun haben: Anfang der 50er Jahre betrug
die damalige Reichweite der Erdölvorräte noch 20 Jahre, 1967
stieg der Wert auf 37 Jahre, heute sprechen
wir von 43 Jahren; bei Gas kann man von 67 Jahren ausgehen und Kohle
dürfte noch fast 200 Jahre halten. An der Bundesanstalt wurde dazu
ein so genannter Lebensdauer-Index ermittelt, quasi eine Momentaufnahme
in einem dynamischen Prozess der ständigen Veränderungen von
Reserven und Verbrauch. Dieser Index ist beispielsweise für Zink
seit etwa 50 Jahren stabil, obwohl sich die Produktion inzwischen vervierfacht
hat. Es ist offensichtlich gelungen, durch intensivere Exploration die
steigende Nachfrage zu befriedigen.
Wandel vom Erdölzeitalter zum Erdgas-Zeitalter
Alle Rohstoffe unterliegen nun einer besonderen Gesetzmäßigkeit.
Trägt man in einem Diagramm die Produktion bzw. Förderung
über einer Zeitachse auf, so hat diese Lebenszykluskurve die Form
einer Glocke. Während rein statische Reichweitenmodelle eine kontinuierliche
Förderung mit einem plötzlichen Absinken auf nahe Null vermuten
lassen, gibt die Glockenkurve - je nach Optimismus oder Pessimismus
des Autors hinsichtlich der Reserven - ein realistischeres Bild der
Zukunft wieder. Nach einer Shell-Studie ist demnach in zehn bis zwanzig
Jahren
mit dem Erreichen des Maximums der Erdölförderung zu rechnen.
Nimmt man die Kenntnis über die typischerweise vorliegende Tiefe
von Ölfeldern von 1500 bis 3500 Metern hinzu und berücksichtigt
die Tatsache, dass große Ölfelder immer zuerst gefunden werden
und bis auf einige Gebiet in Sibirien und in der Tiefsee alle Sedimentationsbecken
ausreichend erforscht sind, kann man von einer Erdöl-Gesamt-Ressource
von nur noch 230 Mrd. Tonnen ausgehen.
Die Begrenztheit der Vorräte wird noch deutlicher, wenn man den
jährlichen Verbrauch von derzeit etwa 3,5 Mrd. Tonnen Erdöl
den echten Neufunden von etwa 1,2 Mrd. Tonnen gegenüberstellt.
"Hier hat sich längst eine Schwere geöffnet, und allmählich
zeichnet sich ein Wandel vom Erdölzeitalter zum Erdgas-Zeitalter
ab," prognostiziert Friedrich-Wilhelm Wellmer. Daran würden
verbesserte Explorations- und Fördermethoden zur Erhöhung
der Reserven nichts ändern. Sicher würde das Erdöl weiter
als die statische Grenze von 43 Jahren reichen, aber die Fördermengen
werden stark zurückgehen.
Autor: © JUDITH CAROLINE
Freie Wissenschaftsjournalistin
c/o Pressebüro Rhein-Neckar
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Fotos: © Judith Caroline
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