PRN-MAGAZIN
- 28.11.2004
Reportage Frankfurt-Marathon 2004:
Ein Sieg in vier Stunden achtundvierzig
Der Frankfurt-Marathon ist ein Klassiker. Und mehr noch: Er ist
sportlicher Höhepunkt all derer, die sich neu der Faszination Laufen
verschrieben haben. Doch wie sehr ein solcher Wettkampf emotional bindet,
weiß man erst hinter her. Gipfelglück und Gletscherspalte
liegen nahe beieinander. Eine ganz subjektive Betrachtung.
"No sports". Dr. Carsten Krüger versuchte vergeblich,
durch das legendäre Zitat des erklärten Nicht-Sportlers Sir
Winston Churchill seiner medizinischen Diagnose die Schärfe zu
nehmen. "Oder ich will`s mal so ausdrücken: Leistungssport
ist für Sie tabu, denn Ihr Herz ist nicht in Ordnung." Es
war eine Woche vor dem Frankfurt-Marathon. Mein erster Marathon überhaupt.
Monatelanges Training und zahlreiche Entbehrungen wollte ich eigentluch
mit dem sportlichen "Event" in Frankfurt krönen.
Doch nun schien sich der Boden in Wellen aufzulösen, die Freundlichkeit
des medizinischen Personals im Mannheimer Theresienkrankenhauses wurde
plötzlich zur Fassade - und das an meinem Geburtstag. Vor genau
49 Jahre hatte ich in diesen Räumen das Licht der Welt erblickt.
Doch nun war mir alle Lust zum Feiern vergangen. Ich stand verloren
in den Gängen und stierte in einen Schaukasten mit Herzschrittmachern.
Nun hatte ich die Quittung für mein übereifriges Streben nach
sportlichen Lorbeeren, ich, der ich im Schulsport selten besser als
Durchschnitt gewesen war, im Turnen eine Flasche und beim Fußball
derjenige, der beim Wählen immer übrig geblieben war.
Meine "Sportlerkarriere" liest sich so unspannend wie der
Beipackzettel meiner Turnschuhe und ist aber dennoch nicht ganz untypisch.
Vor drei Jahren war ich zufällig zum Fitness-Triathlon der Universität
Heidelberg gestolpert. Bis dahin hatte ich gar nicht gewusst, dass es
jenseits vom Hawaii-Ironman noch etwas gab, was den sportlich ambitionierten
Laien hätte reizen können. Der Erfolg, das damalige "Finishen"
als Drittletzter in einer Gruppe durchtrainierter Sportstudenten gab
mir Auftrieb. Jedes Jahr machte ich ein, zwei weitere Fitness-Triathlons
mit wachsendem Erfolg. Ich begann, Blut zu lecken. Ein Jahr später
der Heidelberger Halb-Marathon. Eigentlich ein Halb-Totmarathon, denn
zahlreiche Abbrecher säumten den gnadenlosen Philosophenweg, aber
ich konnte diesen Lauf zwar mit einer lausigen Zeit, aber erhobenen
Kopfes zu Ende bringen. Und als Staffel-Läufer beim ersten Mannheimer
Marathon war`s dann endgültig um mich geschehen. Mein Schritt zum
Größenwahn war vollzogen. "Nur `mal die Atmosphäre
schnuppern," log ich meiner Familie vor. Längst war ich fremd
bestimmt auf dem Weg nach Frankfurt.
"No
sports." Die ärztliche Warnung von Dr. Krüger holte mich
in die Wirklichkeit zurück. Ich war ja nicht leichtfertig irgendwo
hinein gestolpert. Oder doch? Das Ergebnis der Marathon-Staffel in Mannheim
war unbefriedigend. Hoher Puls, schlechte Kondition - ich war verunsichert.
Dass die Pulsuhr verrutscht war und zudem ständig fremde Impulse
auffing, erkannte ich erst hinterher. Doch ich blieb unbeirrbar. Ich
wollte es wissen. Allerdings war mir klar, dass ohne fundiertes Training
nichts laufen konnte. Zufällig las ich von dem Marathon-Projekt
der TU Darmstadt als Vorbereitung für den Frankfurt Marathon 2004.
Jede Woche drei bis vier mal laufen, dazu ein Besuch der Lauftechnik
und Funktionsgymnastik in Darmstadt - für mich als Freiberufler
eigentlich gar nicht zu schaffen. Dazu der Stress des A5-Autobahn-Feierabendverkehrs.
Und ständig die Ermahnungen des Trainers im Marathon-Projekt Dieter
Bremer: "Stabilisiert euren Rumpf!"
Auch Ratschläge sind Schläge
Jetzt - in den Katakomben des Theresienkrankenhauses hätte ich
etwas mehr Rumpfstabilsierung vertragen können. No Sports. Chefkardiologe
Prof. Markus Haass ist ein liebenswerter, geduldiger Mensch mit viel
Verständnis für ambitionierte Freizeitsportler. Doch gnadenlos
entnahm er dem Langzeit-EKG und dem Befund aus der Magnetresonanz-Tomographie,
was ich überhaupt nicht hören wollte: "No sports".
Er sprach von Herzrhythmus-Störung und fabulierte von "Vierersalven".
Doch die waren nachweislich nicht beim Sport, sondern beim nachmittäglichen
Kaffeetrinken entstanden.
Möglicherweise eine Durchblutungsstörung, doch Sicherheit
gäbe es nur mit einer Kardioangiographie, meinte er. Ich drohte,
in den Wellen medizinischer Fachtermini zu ertrinken. Warum das alles?
Nur weil mein acht Jahre altes Belastungs-EKG trotz bester Kondition
Wellen zeigte, wo keine hin gehören? Ich war selbst schuld. Nur
weil ich es genau wissen wollte und meiner journalistischen Neugier
folgte, hatte ich einen Medizin-Marathon begonnen.
Dabei war die sportliche Realität eine ganz andere. Die Spezialisten
der Heidelberger Sportmedizin hatten mir eine prima Kondition bescheinigt,
die Sauerstoff-Aufnahmewerte waren sehr gut, und meine drei Halbmarathonläufe
klappten ebenso reibungslos wie meine Hochgebirgs-Fahrrad-Gewalttour
in drei Tagen. Nicht zu vergessen, mein Ego-Trip im Himalaja auf fast
6000 Metern Höhe vor drei Jahren. Das alles sollte mit einem dramatischen
Herzfehler zusammenhängen?
"No sports". Ich war ratlos. Trotz vieler Ratschläge,
die mehr "Schläge" als "Rat" waren, wollte
ich es endgültig wissen. Am Montag - fünf Tage vor dem Startschuss
in Frankfurt, begab ich mich unters Messer - entgegen aller Ratschläge
befreundeter Mediziner, denen das Risiko eines derartigen Eingriffs
viel zu hoch war. Der Blick durch die Arterie ins Herzen brachte endlich
Klarheit: "Herz ok - aber no sports".
Am Tag der Entscheidung
Mein Rumpf war schon lange nicht mehr stabil. Trotz bester medizinischer
Versorgung im "Theresien", wie die Mannheimer das Theresienkrankenhaus
nennen, drehte sich alles nur noch im Kreis. Ein Wirbel zog mich in
eine Enttäuschung ohne Beispiel. Intensivste Vorbereitung, täglich
gepflegter Egoismus gegenüber Familie, Freunden und auch Geschäftspartnern
- und jetzt? "Eine Muskelbrücke droht, bei Belastung die Zufuhr
zum Herzen zu behindern" - so übersetzte ich den medizinischen
Kauderwelsch, hinter dem sich die Damen und Herren Doctores der Kardiologie
verschanzten. `Rote Karte`, kein Leistungssport und kein Marathon. Schluss
aus. No sports eben.
Dienstag.
Der Besuch bei meinem Internisten ließ erstmals Hoffnung keimen.
"Schuhe anziehen und für Sonntag trainieren," so dessen
knappe aber präzise Aussage. Der offensichtliche Geburtsfehler
- den im übrigen nicht wenige Menschen haben - hatte die letzten
49 Jahre bei keinem meiner Aktivitäten zu irgendwelchen Stolperern
meiner Pumpe geführt. Warum sollte es jetzt dazu kommen? Ich fühlte
mich wie ein Staffelläufer, der bestens gestartet war, der sich
verlaufen hatte und nun den Anschluss zum Feld suchte.
Inzwischen war es Mittwoch. Die 400 Meter zum Büro konnte ich nur
mit dem Auto zurück legen: ständig Schwindelgefühle und
Kreislaufprobleme und mehr als 42 Kilometer von meiner Marathon-Form
entfernt. Ich schleppte mich in den Donnerstag. Meine täglichen
Schwindel, die dröhnenden Kopfschmerzen und die Blutergüsse
des Arterien-Druckverbandes wurden langsam besser. 20 Minuten leichtes
Traben durch den nächtlichen Wald - immer im Handy-Funkkontakt
mit meiner besorgten Ehefrau. Es kam der Freitag und der Tag der Entscheidung:
Jetzt musste ich es wissen. Stramme 70 Minuten stolperte ich durch den
Wald - ohne Taschenlampe bei stockfinsterer Nacht. Das Getrampel der
aufgeschreckten Wildschweine störte mich nicht.
Samstag: ich entschied, in Frankfurt zu starten.
Im Rumpf total stabil
Nun ist es Sonntag, 12.20 Uhr und ich laufe seit rund 80 Minuten.
Die anfängliche Euphorie des Massenstarts hatsich gelegt. Marion,
meine Laufpartnerin, tänzelt in ihrem gewohnten Stil neben mir
her und plappert mir die Ohren voll und redet sich die Nervosität
von der Seele. Aber besser Unterhaltung als Eintönigkeit. Denn
mit jedem Kilometer macht eine Herde gelber Affen immer lauter auf sich
aufmerksam. Sie tobt von der linken zur rechten Hirnhälfte und
kreischt: "No sports". Steht da nicht Oberarzt Krüger
am Rettungswagen? Und reicht mir bei der Getränkestation nicht
plötzlich mein Bruder schales Wasser an, um mir erneut zu sagen,
was für ein Schwachsinn ich da treibe? "Wie weit willst Du
Deine Sucht noch treiben? Marathon in deinem Alter?" Ich bin längst
über die Mainbrücke. Die Visionen verschwimmen, doch die demotivierenden
Worte verfolgen mich. Kilometer 12. Ich werde aufgeben. Zumindest nach
dem nächsten Kilometer, sage ich mir. Ich spüre meine Pumpe,
ein deutliches Ziehen an einer Stelle, an der ich noch nie etwas gespürt
habe. An der nächsten Wasserstation werde ich Schluss machen. "Naja,
einen Halbmarathon solltest Du schon hinkriegen," sage ich mir,
"schließlich bist Du letzte Woche noch stramme 30 Kilometer
in etwas über drei Stunden gelaufen." Ich ignoriere die nächste
Verpflegungsstation und vergesse das Aufgeben.
Marion hüpft mir langsam davon. Christiane überholt mich.
Sie, die mich immer wieder mit dem Optimismus einer 24jährigen
aufgemuntert hat, hatte noch am Vortag Nervenflattern wie noch nie.
Unbedingt mit mir wollte sie die ganze Strecke laufen. Doch wir hatten
uns verpasst, und nun zieht sie an mir leichten Fußes vorbei.
"Wie geht`s?", fragt sie, und ich weiß um die Ernsthaftigkeit,
die hinter der Frage steht. "Ich beiße", rufe ich ihr
nach. Wie`s mir geht? "Beschissen wäre geprahlt", hätte
ich antworten sollen.
Es dauert lange, bis ich meiner Affenherde einen Fußtritt verpassen
kann. So bei Kilometer 20 etwa. Ich freue mich über die Sonnenstrahlen
und lasse mich vom Applaus der Menge vorantragen. Menge? Hier in Niederrad
herrscht Tristesse pur. Ein paar volltrunkene Kleingärtner in Schwanheim
grölen mir hinterher - aber nichts mit Applaus. Das ändert
sich aber bald. "He Martin, schön, dass Du dabei bist. Du
schaffst es"! Ich zucke zusammen, winke dem einen Zuschauer mit
seinem Megaphon freundlich zu und beginne meinen Marathon bei Kilometer
21. Jetzt habe ich ihn gewonnen. Die Wade zwickt, die Hüfte knirscht,
aber ich laufe. Und ich fühle mich "total stabil im Rumpf"
möchte ich gerne Dieter Bremer zurufen, aber es ist keiner da,
der sich dafür interessieren würde.
Im Tal der Tränen
Und
ich trinke, und nutze bewusst jeden Becher, um eine halbe Minute zu
gehen. Nun sehe ich weniger die bleichen, entkräfteten Gestalten
am Straßenrand, die von den Helfern umsorgt werden. Ich sehe auch
Jürgen nicht, der wohl dicht hinter mir vor seinen Schmerzen kapitulieren
muss und aufgibt. Ich sehe jetzt vor allem die Kinder, die die Läufer
abklatschen, die Musiker und immer wieder und immer mehr Menschen. Längst
ist der Sieger im Ziel und hat geduscht - und ich bin gerade in Frankfurt-Höchst
angekommen. Aber ich werde es schaffen. Ich wusste gar nicht, dass die
Hessen so freundlich sind. Ich versuche, die Freundlichkeit wenigstens
mit einem Winken zu quittieren. Am Fenster steht eine ältere Dame,
die vermutlich noch nie ein Sportgeschäft betreten hat und die
mit ihrem Kochlöffel lautstark ihren Suppentopf bearbeitet - heute
bleibt die Küche kalt.
Der Mann mit dem Hammer bleibt mir erspart. Hüfte und Wade reklamieren
eine Auszeit - doch ich liebe Muskelschmerzen, wenn sie nicht aus der
Brust kommen. Kilometer 36. Ich rechne hoch, dass es wohl für eine
Zeit unter fünf Stunden reichen dürfte. "Umkehren wäre
doch jetzt auch irgendwie blöd - oder?", lese ich auf einem
Schild und muss lachen. Ich beschleunige, die Gehpausen werden kleiner.
Kilometer 40. Das Rennen ist gelaufen. Wie in Trance laufe ich auf die
Festhalle zu. Die Menschenmassen, die fast fünf Stunden hier ausgeharrt
haben, applaudieren; selbst die Läuferinnen und Läufer, die
längst umgezogen zur U-Bahn gehen, bleiben stehen und feuern die
Nachzügler an. Ich dringe in das Schwarz der Festhalle ein und
nehme nur noch das grelle Rot des Teppichs wahr. Gleich nach dem Ziel
feuchte Augen, kullernde Tränen und ein unermesslicher Stolz, es
geschafft zu haben - nicht nur bei mir. "Wir sehen uns im Ziel"
hatte Dieter Bremer gesagt. Für die meisten des Marathon-Projektes
war es eine Prophezeiung und ein Ansporn. Für manche, die gescheitert
sind, führten die aufgestauten Emotionen in ein Tal der Tränen,
aus dem sie nur mühsam wieder hochgeklettert sind. Vielleicht ist
der Absturz für sie auch ein Stück Motivation für den
nächsten Anlauf, so, wie mich die Warnung "no sports"
auf der Zielgeraden zum Endspurt beschleunigt hat.
Autor: © MARTIN BOECKH
Freier Wissenschaftsjournalist
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Fotos: © Thomas Schmidtkonz
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