Pressebüro Rhein-Neckar

PRN-MAGAZIN
Ein Internet-Podium für Reportagen und Berichte

   
Hinweis: Das PRN-Magazin ist ein Podium für Journalisten und Reporter. Die auf dieser Seite veröffentlichten Beiträge unterliegen dem Urheberrecht und dürfen nur mit Zustimmung des genannten Autors kommerziell in irgend einer Weise genutzt werden. Lektüre und Ausdrucken zum ausschließlich privaten Gebrauch sind zulässig. Nähere Informationen erhalten Sie durch Kontakt mit dem Pressebüro Rhein-Neckar.

PRN-MAGAZIN - 30.12.2004

Raumfahrt für den Alltag:

Anleihe aus dem All

Was sich im Weltraum bewährt ist auch gut für den Alltag. Ob Autoindustrie, Medizintechnik oder Chemieindustrie: Kaum eine Branche, die nicht auf Entwicklungen aus der Raumfahrt zurückgreift.
Noch ist ein Abstecher ins All für Normalsterbliche ein kostspieliges Vergnügen, bestenfalls für Multimillionäre wie den Amerikaner Dennis Tito finanzierbar. Aber um die Segnungen der Raumfahrt zu erleben, muss man nicht unbedingt den Trip in die Schwerelosigkeit wagen. Eine Spritztour mit dem Auto aufs Land tut es ebenfalls.

In jedem BMW, Mercedes oder Audi bereits jetzt mehr know-how aus der Raumfahrt als der Laie vermutet. Nicht nur die hauchdünnen Foliensensoren, die beim Aufprall den Airbag auslösen, sind ein Abfallprodukt der Raumfahrt - sie stammen nämlich aus den Windkanälen in denen der europäische Hermesraumgleiter seine aerodynamische Form erhielt - auch die faserverstärkten Keramiken der Bremsscheiben sind eine Zweitverwertung, denn ursprünglich schützen sie die Raumkapseln beim Eintritt in die Erdatmosphäre vor dem Verglühen.
Immer öfter schauen auch die Medizin, der Tunnelbau oder die Chemieindustrie in die Entwicklungslabors der Raumfahrt-Zulieferer. Ob Keramiken für Hüftgelenke, härtere Bohrköpfe oder korrosionsfreie Reaktoren - in fast jeder Branche finden Transfers aus der Weltraumtechnik statt. Das Thema Nummer 1 ist dabei die Materialforschung. Zwar ist ausgerechnet das Gerücht Teflon stamme aus der Raketentechnik eine besonders langlebige Zeitungsente. Dass aber die hitzebeständigen, verschließbaren und dabei superleichten Werkstoffe, welche die Apollokapsel, den Hermesgleiter oder die Raumfähre ISS vor den die extremen Bedingungen des Weltalls schützen, hoch im Kurs stehen zeigt das Beispiel der Plansee AG. Deren temperaturbeständige Hochleistungswerkstoffe finden sich nicht nur in der Außenhaut wiederverwendbarer Raumgleiter sondern auch im Chemieanlagenbau, als Brennkammerbauteile von Motoren oder als hitzebeständige Rührer für die Schmelzen der Glasindustrie.
Der häufigste Grund, warum Raumfahrtunternehmen den Ausflug in fremde Märkte wagen: Das Geld wird knapper. In Europa stagnieren die Ausgaben für die Weltraumprogramme. Vor allem der lukrative Telekommunikationsmarkt leidet, da kaum noch Satelliten in die Erdumlaufbahn geschossen werden. Grund genug, für die zum Teil hochspezialisierten Zulieferfirmen nach zusätzlichen Geldquellen zu fahnden. Besonders erfolgreich agiert hier die Austrian Arerospace. Österreichs bekannte Weltraumfirma stattet nicht nur Meteosat, Envisat und Venus-Express, sondern 75 Prozent aller europäischen Satelliten, mit Thermalisolatoren aus und ist hier Marktführer. "Wir haben vor vier Jahren begonnen uns nach Märkten umzuschauen, die ähnliche Technologien benötigen, um unsere Fertigungsanlagen auszulasten", berichtet Geschäftsführer Dr. Max Kowatsch. Fündig wurden die Wiener in der Medizintechnik: Die leistungsstarken Magnetspulen der Kernspintomographen erhitzen sich während des Betriebs stark und werden daher mit flüssigem Helium gekühlt. Die ideale Zweitanwendung für die isolierenden Polyesterfolien, befand das Unternehmen und schneidert seither wärmende Maßanzüge für die Kernspintomographen.

Nachhilfe durch die ESA

Zur Zeit visiert Kowatsch einen besonders zukunftsträchtigen Markt an: Das Wasserstoffauto - genauer gesagt Isolationsmaterialien für Wasserstofftanks. Kooperationspartner ist Magna Steyr. Der größte heimische Automobilzulieferer und -hersteller entwickelt mit BMW ein Flüssig-Wasserstoff-Tanksystem, für das bereits eine Kleinserienproduktion existiert. Im Umgang mit dem explosiven Gas verfügen die Grazer über zehnjährige Erfahrung, denn nicht nur die kryogenen Treibstoffleitungen der wasserstoffbetriebenen Ariane 5 Raketen sind "Made by Magna Steyr", die Weltraumtechnik besitzt auch ein Patent zur Herstellung von flüssig-festem Wasserstoff, sogenanntem H2-Slush. "Eine wichtige Technik mit hohem Potential, da dadurch ein geringeres Treibstoffgewicht möglich wird," betont Dr. Werner Gryksa, Geschäftsführer der Abteilung Weltraumtechnik. Und da auf diese Weise die Rakete mehr Nutzlast in den Orbit schießen kann, ist das Patent bares Geld wert. Ob dem Wasser- Auto in den nächsten Jahrzehnten ein Wasserstoffflugzeug folgt, entscheidet sich zur Zeit: Bei einem entsprechenden Airbus-Projekt ist Magna Steyr jedenfalls mit im Boot.
Federführend bei der Koordination der heimischen Weltraumforschung und der Förderung von Raumfahrt-Spin Offs ist in Österreich die Austrian Space Agency. Die Spin offs sind zwar nicht das Hauptthema der Arbeit. "Unser Ziel ist die Raumfahrt. Die Spin offs sind lediglich der Bonus," betont Dr. Werner Balogh, verantwortlich für das Transferprogramm das Asaspace. Trotzdem profitiert von dem Geld aus den Transfers indirekt auch das Raumfahrtprogramm. "Unser kommerzielles Standbein ermöglicht Investitionen, die allein durch die Raumfahrtechnik nicht möglich gewesen wäre," bestätigt Kowatsch. In Berndorf ist ein neuer Reinraum für die Fertigung von Weltraum-Thermaisolatoren entstanden, und tief in die Tasche gegriffen hat Austrian Aerospace, um mit computergesteuerte Schneidanlagen in die Serienproduktion einzusteigen.
Viele Projekte werden von der Europäische Raumfahrtbehörde ESA vermittelt, denn ohne Nachhilfe finden Raumfahrtunternehmen und potentielle Anwender nur selten zusammen. Immerhin rund eine Million Euro fließen jährlich in das Transferprogramm, europaweit finden Workshops wie der in Innsbruck statt, die Raumfahrtunternehmen und potentielle Kunden bzw. Lizenznehmer zusammenführen sollen. Werbewirksam werden erfolgreiche Spin offs in den Hochglanzbroschüren aufbereitet und vermarktungsfähige Technologien angepriesen. Eine solche Idee ist der am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen erdachte Wildretter, der an einen handelsüblichen Balkenmäher montiert werden kann. Allein in Österreich - so die Zahlen von Landwirten und Jägern - rettete das Gerät in den letzten sechs Jahren 6000 Kitze vor dem Mähtod. Die Methode ist simpel: Eine ausziehbare Stange trägt Infrarotsensoren, die auf Körperwärme ansprechen und sofort Alarm schlagen, so dass der Bauer den Mähdrescher rechtzeitig anhalten kann. Schon 1998 ging der erste Prototyp in Betrieb.

Elektrostimulation für gezielten Muskelaufbau

Nutzen stiftet die Raumfahrt auch für Medizin und Diagnose, denn was der Gesundheit der Astronauten im All dient, sollte auch für irdische Erkrankungen taugen. Auf eine besonders pfiffige Idee kam das belgische Unternehmen Verhaert Design: Die gleiche Sensor-Technik mit deren Hilfe die Europäische Raumfahrtbehörde die Atmung und Herzschlag ihrer Astronauten überwacht, soll gefährdete Babys vor dem plötzlichen Kindstod bewahren. Dazu entwickelten die Forscher gemeinsam mit der Uni Brüssel einen mit fünf Minisensoren bestückten Babyschlafanzug, der bei Veränderungen der Atmung oder des Herzschlags Alarm schlägt. Nicht weniger trickreich ist die Nutzung einer Rechenmethode die normalerweise das Datenmeer des Röntgensatteliten ROSAT analysiert und dabei Röntgenquellen im Weltraum sucht. Der Clou dabei: Die schwachen Röntgenquellen, die normalerweise im Hintergrundrauschen des Alls verschwinden, wie das Tropfgeräusch eines Wasserhahns vor einem Wasserfall, werden mathematisch heraus gefiltert. Die Ärzte an der Dermatologischen Klinik in Regensburg haben auf Basis dieser Methode ein Bildanalyseverfahren entwickelt mit dessen Hilfe man Hautkrebs schon in einem sehr frühen Stadium diagnostizieren kann.
In Wien hat der Physiker Alex Chiari für Medizintransfers sogar eine eigene Vermarktungsgesellschaft gegründet. Physiotherapeuten möchte er für eine neue Gerätegeneration interessieren, die durch einen Mix aus Elektrostimulation und mechanischem Training gezielt Muskulatur aufbaut und Osteoporose verhindert. "Die Geräte sind kompakt, superleicht und erzeugen bessere Trainingsergebnisse durch die computergesteuerte Erfassung der Leistungsdaten," preist Chiari die Vorzüge der für das Training von Astronauten entwickelten Trimmgeräte. Für seine Diplomarbeit tüftelt der Forscher an Minidosimetern, die ebenfalls eine Zweitverwertung erlauben. Das Besondere daran: Die winzigen Kristalle im Innern der Geräte messen nicht nur die Strahlenbelastung, der ein Astronaut im Weltall ausgesetzt ist sondern liefern auch gleich Daten für die Stärke der Gewebeschädigungen. Da solche Detektoren überall eingesetzt werden können, wo Strahlenbelastung droht, wie etwa bei Transatlantik-Flügen, erprobt neben der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt auch eine österreichische Fluggesellschaft bei ihrem Flugpersonal die Minidosimeter.
Finanziell lohnt sich der Blick über den Tellerrand für die Beteiligten allemal. Die deutsche Transfergesellschaft MST Aerospace hat 150 Spin Offs vermittelt, die bisher 220 Mio. Euro in die Kassen der Technologie-Nehmer spülten, und bis zum Jahr 2007 soll der Umsatz auf eine Milliarde klettern. Einer der kommerziell erfolgreichsten Transfers aller Zeiten ist der Akku-Schrauber. Beauftragt von der NASA und erfunden von der Firma Black und Decker: Weil es nämlich auf dem Mond keine Steckdosen gibt, brauchten die Astronauten der Apollo-Mission Bohrer die ohne Strom Gesteinsproben ziehen konnten. Heute ist der Mondbohrer einer der Verkaufsrenner bei Black und Decker.
Dem Flirt mit der Raumfahrt verdanken wir viele Entwicklungen, die aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken sind.

  • Der Quarzkristall wurde als Zeitstandard in Quarzuhren eingeführt, damit die Mondfähre immer die auf tausendstel Sekunde genaue Zeit hatte.
  • Die Gefriertrocknung entstand, da die Nahrung der Apolloastronauten immer keimfreie und aus Gewichtsgründen möglichst leicht sein sollte.
  • Verspiegelte Sonnenbrillen nutzen die spiegelnden UV-Beschichtungen der Raumanzughelme der Apollomission.
  • Autowischtuch sind mit einer Antibeschlagflüssigkeit getränkt, für die Helminnenseite der Raumanzüge entwickelt wurde.
  • Wegen ihrer Verlässlichkeit wurden die Rauchmelder auf der Skylab-Station auch kommerziell ein Erfolg.
  • Damit während der Shuttleflüge in der Raumfähre keine losen Teile in der Schwerelosigkeit umherfliegen, entwickelte man den Klettverschluss.
  • Um die unübersehbare Anzahl von Shuttleteilen zu verwalten, hat die NASA den Strichkode erfunden, der sich heute an allen verpackten Waren befindet und sowohl die Kassenabrechnung als auch die Warenlogistik erleichtert.

Autorin: © ANKE GEIPEL-KERN

Freie Wissenschaftsjournalistin
c/o Pressebüro Rhein-Neckar
Ringstr. 16
D-69251 Gaiberg
E-Mail: info@pressebuero-rhein-neckar.de

Diskussionsforum:

Schreiben Sie eine E-Mail, die wir an dieser Stelle veröffentlichen! => hier klicken

1. Ihre Anmerkungen:
=> hier klicken


TEXTBESTELLUNG
Ich möchte den obigen Text kommerziell nutzen.

(Es genügt, ein Stichwort einzutragen)
Textversand via E-Mail  Fax  Diskette
Honorarvorschlag EUR zzgl. 16% MWSt.
Verwendungszweck
Name
Vorname
Firma o. Redaktion
Strasse
PLZ / Ort
Tel./ Fax
E-Mail
Bemerkungen

Nach Auftragseingang erfolgt umgehend per E-Mail eine Auftragsbestätigung durch das Pressebüro Rhein-Neckar.
Bitte beachten Sie auch unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen.

[Home] [Redaktionsservice] [Allgemeine Geschäftsbedingungen] [E-Mail]